Sibylle Hamann - Meine Reise zurück zu den Grünen.

Wenn Menschen ihre Nachbarn töten

Station 9: Ruanda, Mai 1994

Es war die schlimmste Reise meines Reporterlebens. Ich war Ende zwanzig, als ich hineinstolperte. Eben waren aus Ruanda, einem kleinen Land im ostafrikanischen Hochland, unvorstellbare Nachrichten nach außen gedrungen: Es habe einen Völkermord gegeben, mit hunderttausenden Toten.

Innerhalb weniger Tage seien Männer, Frauen und Kinder der Tutsi-Minderheit in einem wahren Blutrausch von ihren Hutu-Landsleuten mit Macheten erschlagen worden. Doch Genaueres wusste man nicht. Es gab keine Bilder, und kaum Augenzeugenberichte. Fast alle Ausländer hatten Ruanda knapp vor dem Massaker verlassen.

Es war die schlimmste Reise meines Reporterlebens.

Zwei Wochen später stand ich an der ruandischen Grenze und verbrachte eine schlaflose Nacht. Ein Offizier hatte mir und einer holländischen Kollegin angeboten, uns am nächsten Morgen über den Grenzfluss zu begleiten und zu zeigen, wie es dort drinnen aussah. Soll ich? Soll ich nicht? Mir war übel vor Angst. Andererseits: War ich nicht genau deswegen hier - um zu erfahren, was passiert war, und darüber zu berichten?

Gespenstische Stille lag über dem Land, als wir am nächsten Tag im Schritttempo den Grenzfluss überquerten. Verlassene Hütten, leere Felder, sirrende Insekten, nur ein paar Hühner staksten umher. Nach ein paar Kilometern sahen wir sie: die ersten Leichen. Ein einzelner hier am Wegesrand, ein anderer unter einer Bananenstaude, eine kleine Gruppe, achtlos übereinandergeworfen, in einem Bachbett. Man atmet flach in solch einem Moment.

Den süßlichen, schweren Geruch von Verwesung vergisst man nie.

Da raschelte es plötzlich im Gebüsch, und zwei Frauen standen vor uns. Ob alles vorbei sei?, fragten sie. Sie seien auf dem Feld gewesen, als der Blutrausch losbrach. Hätten sich hingekauert und bemüht, sich so wenig wie möglich zu bewegen, zwei Wochen lang. Erst bei unserem Anblick trauten sie sich aus ihrem Versteck heraus. Was soll man reden in einem solchen Moment? Es fällt einem nicht viel ein.

"Le Radio, le Radio", stammelten die Frauen immer wieder - und erst im Lauf der nächsten Wochen würde ich verstehen, was sie gemeint hatten: Das Radio hatte eine zentrale Rolle bei diesem Völkermord gespielt. Über Jahre hinweg hatte er, im Auftrag radikaler Politiker, systematisch die Hutu-Mehrheit gegen die Tutsi-Minderheit aufgehetzt. In jedes Dorf trug das Radio seine Hassbotschaft: Tutsis seien "Verräter", "Schlangen", man dürfe ihnen niemals trauen. Sie seien allmächtig und gefährlich, und kaum ließe man ihnen zu viel Raum, würden sie alle Hutus unterjochen.

Diese Gefahr könne man nur auf einem Weg bannen: Indem man die Tutsis ausrotte, mit Stumpf und Stiel, samt ihren Kindern.

Was soll man reden in einem solchen Moment? Es fällt einem nicht viel ein.

Jahrhundertelang hatten in Ruanda Hutus und Tutsis miteinander gelebt; Ackerbauern die einen, Viehzüchter die anderen. Sie sprachen dieselbe Sprache, lebten Tür an Tür, sie kannten einander gut. Doch als eines Morgens im Radio das Kommando zum Massaker kam, waren hunderttausende bereit, sofort zu folgen. Sie packten ihre Macheten und erschlugen ihre Arbeitskollegen, ihre Nachbarn, manchmal sogar ihre eigenen Ehefrauen.

Wir wissen aus der österreichischen Geschichte, was alles möglich ist.
Seit meinen Tagen in Ruanda weiß ich: Es kann jederzeit wieder passieren.

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Blonde Grün-Aktivistin überreicht lächelnd einen Wahlkampf-Flyer an Passantin. Der Wind weht ihr durch die Haare. Sie sind draußen. Der verschwommene Hintergrund lässt nicht genau auf den Ort schließen. Das Foto vermittelt Freundlichkeit und Offenheit im Umgang mit Menschen.
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