Sibylle Hamann - Meine Reise zurück zu den Grünen.

Unter der Burka

Station 3: Provinz Kunduz, Afghanistan, November 2001.

Während des Afghanistan-Kriegs war ich mit drei Journalistenkollegen in Imam Sahib, einer schläfrigen Kleinstadt in der nördlichen Provinz Kunduz. Wir wohnten im Gästehaus des örtlichen Fürsten. Die Taliban waren eben besiegt und aus der Stadt vertrieben worden.

Solche Momente des Umbruchs sind immer spannend. Die ehemalige Ordnungsmacht verschwindet, hinterlässt ein Vakuum, und es braucht meistens ein paar Tage, bis sich die Verhältnisse ordnen, neue Regeln etabliert werden, und die neue Macht sich einrichtet.

Man ist stummgeschaltet, als Person nicht mehr erkennbar.

Dass die Taliban weg waren, bedeutete für die Frauen von Imam Sahib: Dass sie zum ersten Mal seit vielen Jahren die verhassten Burkas abwerfen durften, die ihnen die Taliban tagein, tagaus aufgezwungen hatten. Man darf sich die berüchtigten hellblauen Stoff-Überwürfe nicht als feines, traditionelles Handwerksprodukt vorstellen.

Eine Burka ist ein lieblos gefertigtes Billigding aus Polyester.

Wenn man sie aufsetzt, schwitzt man sofort. Haut und Haare kleben. Von den Augen liegt ein Fenster mit einem Stoffgitter; wenn es verrutscht - was ständig passiert -, dann sieht man überhaupt nichts mehr.

Unter der Burka kann man nicht nicht essen, die Hände nur eingeschränkt benützen, nicht deutlich sprechen und auch sonst kaum kommunizieren.

Man ist stummgeschaltet, als Person nicht mehr erkennbar. Wie ein Geist huscht man durch die Straßen. Und genau das ist wohl auch der Sinn: Frauen aus der Wahrnehmung zu löschen.

Ich hatte damit gerechnet, dass sich die Frauen von Imam Sahib in dem Moment, als die Taliban weg waren, ihre Burkas vom Kopf reißen und öffentlich feiern würden. Aber das war ein Irrtum.

Enthüllung ist gar nicht so leicht, wenn man sich an die Verhüllung als Normalzustand erst einmal gewöhnt hat. Ganz zaghaft nur traten die Frauen vor die Tür. Man fürchtete missbilligende Blicke und Übergriffe. Immerhin waren ja jetzt viele fremde Männer und Soldaten auf den Straßen. Der Burka-Händler am Markt, der mir seine Modelle vorführte, flohlockte: Er verkaufe seit dem Abzug der Taliban sogar noch mehr Burkas als vorher. Weil sich die Frauen, die sich vorher zuhause verbarrikadiert hatten, mit Burka zumindest wieder heraus wagten.

Ich muss ein seltsamer Anblick gewesen sein in dieser Umgebung: Eine Ausländerin in klobigen, Bergschuhen, den Kopf nachlässig mit einem Tuch verhüllt. Ich vermute: Als "Frau" galt ich gar nicht, sondern eher als Alien. Die Frauen, Tanten und Nichten des Fürsten im Nachbarhof hatten mich zehn Tage lang aus den Augenwinkeln beobachtet. Kurz vor meiner Abreise schließlich fassten sie sich ein Herz und überreichten mir, umringt von einer quengelnden Kinderschar, ein Geschenk.

Eine Pappschachtel war das, gefüllt mit einem roten Polyester-BH, einer hautfarbenen Nylonstrumpfhose und einem erst zur Hälfte benützten Lippenstift. Unter den Taliban stand auf den Besitz solcher Dinge die Todesstrafe durch Steinigung.

Ich hüte die Schachtel jedenfalls bis heute wie einen Schatz.

Wenn ich Nachrichten aus Afghanistan höre, muss ich an die Frauen von Imam Sahib denken.
Inzwischen sind die Taliban in weiten Teilen des Landes wieder an der Macht. Was aus den Frauen wohl geworden ist?

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Blonde Grün-Aktivistin überreicht lächelnd einen Wahlkampf-Flyer an Passantin. Der Wind weht ihr durch die Haare. Sie sind draußen. Der verschwommene Hintergrund lässt nicht genau auf den Ort schließen. Das Foto vermittelt Freundlichkeit und Offenheit im Umgang mit Menschen.
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