Sibylle Hamann - Meine Reise zurück zu den Grünen.

In der Welt ankommen

Station 16: Wien, Mai 2017

Dann starrt man also in die Windel, auf ein kleines Häuflein gelblichen Brei. Schnüffelt. Müsste das nicht dunkler sein, fester, weicher, mehr? Gründe für Unsicherheit gibt es viele, wenn man die ersten Tage mit einem Neugeborenen zu Hause ist. Am Baby hängen seltsame Nabelreste dran. Tage und Nächte verschwimmen ineinander. Man lauscht den Geräuschen, die aus Babys Bauch und Mund kommen. Starrt es ungläubig an, wenn es schläft. Wippen, schaukeln, tragen, drücken. Wie viel Schreien ist normal? Was sind das für Wimmerln in der Popofalte? Sollen wir googeln, oder machen wir eh alles richtig?

Es ist wichtig, wenn man jemanden hat, den man alles fragen kann.

"Es ist wichtig, wenn man jemanden hat, den man all das fragen kann", sagt Claudia S.. Frau S. hat feste, sichere Hände. Seit 36 Jahren ist sie Hebamme und hat sich auf die Betreuung im Wochenbett spezialisiert. "Wochenbett heißt: im Bett liegen, sich an das Baby gewöhnen und sich von anderen verwöhnen lassen", sagt sie. "Das braucht Zeit und Sicherheit. Die will ich den Müttern geben." Ich fahre mit Frau S. an diesem Tag in ihrem silberfarbenen Mini von Döbling nach Favoriten, quer durch Wien. Fünf Babies stehen heute in in ihrem Kalender, fünf Jungelternpaare, viele bange Fragen.

Hebammen hat es immer gegeben, in allen Kulturen. Sie haben in allen sozialen Schichten einen guten Ruf. Das öffnet viele Türen. Eine Hebamme bekommt intime Einblicke in unterschiedlichste Leben, in schwierige Wohnverhältnisse, problematische Beziehungen. "An manchen Orten ist kein Platz für Stillprobleme", sagt Frau S.

"Manche Frauen sind so unendlich dankbar, wenn ich sie einfach nur frage, wie es ihnen geht. Da ahnt man: Die sind normalerweise einen anderen Umgangston gewöhnt."

Anfangs kommt die Hebamme täglich vorbei, später in größeren Abständen, zwischendurch ist sie telefonisch erreichbar. Reich wird Frau S. dabei nicht – 41,60 Euro bekommt sie von der Krankenkasse für einen Hausbesuch. Sie erspart der öffentlichen Hand damit viel Geld. Denn Mütter, die zu Hause gut versorgt sind, kann man früher aus dem Spital entlassen. Sie gehen seltener zum Arzt und fahren nicht gleich aus nichtigen Anlässen in die Notfallambulanz. Dass diese Art der Betreuung sinnvoll ist, ist deswegen unumstritten. In Wien ist es dennoch äußerst unwahrscheinlich, dass man sie auch bekommt. Denn es gibt hier viel zu wenige Hebammen mit Kassenvertrag. 23 sind es - für 18.600 Geburten im Jahr.

Es gibt viel zu wenige Hebammen mit Kassenvertrag.

Die allermeisten Frauen zahlen ihre Hebamme deswegen privat - oder bleiben ganz ohne Betreuung übrig. Weil sie nicht wissen, wo sie anrufen sollen. Weil sie zu schüchtern, überfordert oder nicht hartnäckig genug sind. Weil sie sich in unserem komplizierten Gesundheitssystem nicht auskennen. Weil sie gar nicht wissen, dass ihnen Hilfe zusteht.

Die Hebammen fordern kostenlose Wochenbettbetreuung für ausnahmslos alle Mütter. Mir fallen wenige Forderungen ein, die sinnvoller wären. Weil jedes Baby einen guten Start ins Leben verdient.

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