Sibylle Hamann - Meine Reise zurück zu den Grünen.

Hass zerstört Heimat

Station 11: Bosnien, September 1996

Sefik D. lernte ich neben dem Südbahnhof kennen, wo damals ein riesiger Busparkplatz war. Die meisten Wiener gingen an diesem Ort achtlos vorbei. Für viele sogenannte "Gastarbeiter" allerdings spielte er eine ganz zentrale Rolle im Leben – denn hier fuhren die Langstreckenbusse in Richtung Balkan ab. Zur Oma. Zum Onkel Dragan. Zu den Cousins und Cousinen. In jene Dörfer, wo man fast jeden Urlaub verbrachte.

Hier fuhren die Langstreckenbusse in Richtung Balkan ab.

Jahrelang stieg hier auch Sefik D. Freitag abends in den Bus nach Jajce. Im Bus waren lauter Leute wie er: Hackler, die in Wien am Bau arbeiteten, in kleinen, finsteren Wohnungen wohnten, aber am Wochenende, daheim in ihrem Dorf, mit eigenen Händen ihr eigenes Haus bauten. Mit der Idee, später einmal dorthin zu ziehen. Irgendwann. Vielleicht in der Pension.

Als Sefik noch ein Jugoslawe war, fuhr man in diesem Bus gemeinsam, denn Jajce war eine ethnisch gemischte Stadt. Aber dann begann der Bosnien-Krieg, und aus Jugoslawen wurden Serben, Kroaten und Muslime. Mehrmals zog über Jajce die Front hinweg. Und dann fuhren plötzlich zwei Busse vom Südbahnhof weg: Einer auf die serbische Seite. Ein anderer auf die Seite der muslimisch-kroatischen Föderation.

Man sah immer noch dieselben Gesichter am Busparkplatz, man nickte einander zu, wechselte vielleicht ein paar Worte.

Doch dann stieg man in verschiedene Busse, die verschiedene Routen durch das geteilte Land fuhren.

Die Dörfer am Ende der Reise waren inzwischen "ethnisch gesäubert", und von der einen Seite der Linie gab es kein Durchkommen mehr auf die andere Seite. Die Häuser, die man früher Nachbarhäuser nannte, standen jetzt im Feindesland.

Ich begleitete Sefik, als er im Sommer 1996, das erste Mal seit fünf Jahren Krieg, wieder nach Hause fuhr. Auch seine Frau und seine beiden Teenager-Kinder waren dabei, doch sie wurden, je länger die nächtliche Fahrt dauerte, immer leiser. In der Morgendämmerung wischte die 15jährige Tochter Alma die Fensterscheiben neben ihrem Sitz sauber und zählte die ausgebrannten Ruinen am Straßenrand. "Ich will nicht nach Hause", sagte sie dann, und beschloss, mit Bruder und Mutter an Busstation sitzenzublieben.

Ich bin mit Sefik also allein, als wir vorsichtig über das von wilden Himbeeren überwucherte Grundstück stapfen. Der Rahmen der Eingangstür ist herausgebrochen, der Klingelknopf ebenso, nur für das Türschild mit Sefiks Familiennamen hatte niemand Verwendung. Drinnen: eine umgeworfene Schrankwand. Die Scherben eines Waschbeckens. Die Gebrauchsanleitung für einen Hitachi-Fernseher. Ein zerfleddertes Französisch-Vokabelheft. "Travailler" – arbeiten. "Le mortier" – der Mörtel. "La maison"- das Haus.

"Bauen, reparieren, alle zusammen, alles gut", sagt Sefik. Er versucht, optimistisch zu klingen, aber es gelingt nicht.

Es war so eine schöne Idee, die ihn all die Jahre wach gehalten hat – dass man später einmal vor dem Haus mit den Nachbarn zusammensitzen würde, Feuer machen, Cevapi essen, Bier trinken, und die Enkelkinder laufen herum. Dann würde sich alles ausgezahlt haben – die vielen Jahre harter Arbeit, die enge Wohnung in Floridsdorf, die kaputten Bandscheiben.

Wo warst du, Feigling?

Aber die einst tausend Bewohner des Dorfes sind jetzt über halb Bosnien und halb Europa verstreut – geflohen die einen, vertrieben die anderen, die einen hatten die falsche Ethnie, und wieder andere sind als Kämpfer unterwegs. Wer – wie Safik – im Ausland blieb und ängstlich aus der Distanz bloß die Nachrichten im Fernsehen verfolgte, wird sich auf Schritt und Tritt rechtfertigen müssen. Wo warst du, Feigling?

Sefik sieht verloren aus. Er hätte nicht gewusst, wofür er hätte kämpfen sollen.
Sein Zuhause ist immer noch Jugoslawien. Aber seine Tochter hat wohl Recht: Das gibt es nicht mehr.

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Blonde Grün-Aktivistin überreicht lächelnd einen Wahlkampf-Flyer an Passantin. Der Wind weht ihr durch die Haare. Sie sind draußen. Der verschwommene Hintergrund lässt nicht genau auf den Ort schließen. Das Foto vermittelt Freundlichkeit und Offenheit im Umgang mit Menschen.
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