Sibylle Hamann - Meine Reise zurück zu den Grünen.

Feminismus tut Buben gut

Station 15: Wien, November 2011

Was willst du werden, wenn du groß bist? Stellt man diese Frage einem Fünfjährigen, kommen herzige Antworten: Astronaut. Polizist. Fußballer. Bei Fünfzehnjährigen klingt das anders. Marcel, 15, will Mike Tyson werden. Warum? Weil der superreich ist, einem anderen Boxer ein Ohr abgebissen und eine Frau vergewaltigt hat. "Geiler Lebenssstil, Oida". Wie man Mike Tyson wird, hat sich Marcel noch nicht so genau überlegt. Boxen hat er noch nie versucht. Im Moment sitzt er in einem polytechnischen Lehrgang seine Zeit ab – "voll unnötig die Schule".

Der fünfzehnjährige Marcel will Mike Tyson werden.

Marcel heißt nicht wirklich Marcel, aber sein richtiger Name tut nichts zur Sache. Er hat schlechte Noten und null Bock. Kein Bezugssystem außer der Clique, mit der er im Einkaufszentrum abhängt. Er ist einer jener Burschen, die man in den Medien gern einen "Problemfall" nennt. Sein Elternhaus nennt man "bildungsfern". Daheim gibt es die neueste X-Box, aber kaum ein Buch. Der Vater ist schon lang weg, die Mutter arbeitslos. Marcel wird selten etwas Ernsthaftes gefragt.

"Is was?", "Hast ein Problem?" "Was schaust du?" Solche Fragen signalisieren üblicherweise nicht ehrliches Interesse, sondern den Beginn einer Rempelei.

Doch jetzt sitzt er in einem Sesselkreis, und ein komischer Typ fragt Sachen wie: Wann hat dir zuletzt jemand weh getan? Wie hat sich das angefühlt? Was hast du dann gemacht? Wie stellst du dir dein Leben in zehn Jahren vor? Was denkst du über Sex? Willst du Kinder haben?
Dann sollen sie auch noch ein Spiel spielen. Sich Schulter an Schulter in einen Kreis stellen, mit geschlossenen Augen, und in der Runde ein Signal weitergeben, indem sie einander anstupsen. Acht schlaksige Halbwüchsige winden sich. Es ist megapeinlich.

"Greif mich nicht an, du Schwuchtel!", sagt Marcel. Aber irgendwann hört das Augenrollen auf, denn irgendwie ist es ja lustig: Spielen, wie früher, im Kindergarten, als man noch kein Macker sein musste.

Aufmerksam sein. Wahrnehmen, wo der andere beginnt. Spüren, was man auslöst, mit dem, was man sagt oder tut: So fängt Bubenarbeit an. „Es geht darum, ein Selbstbewusstsein zu entwickeln, das nicht auf Aggression oder Abwertung anderer beruht“, erklärt der Workshopleiter. Für Pubertierende ist das leichter gesagt als getan. Da ist Posen oft das wichtigste: Drogen, Alkohol, Schlägereien, Sex, Porno - alles schon gesehen, alles schon erlebt. Cool wirken. Bloß nicht zugeben, dass man keine Ahnung hat. Bloß nicht zugeben, dass man sich fürchtet.

Bloß nicht zugeben, dass man sich fürchtet.

In mehreren Jahrzehnten Frauenbewegung haben sich Frauen über ihre Rollenzwänge in der patriarchalischen Gesellschaft Gedanken gemacht. Sie haben sich dagegen aufgelehnt und Neues ausprobiert. Jetzt ist es Zeit, dass Männer dasselbe tun. Ohne emanzipatorische Männerbewegung wird es keine Gleichberechtigung der Geschlechter geben. Deswegen ist es so wichtig, wie es mit Marcel weitergeht. Dass es Bubenarbeit an den Schulen gibt. Dass es Lehrer, Lehrlingsausbildner, Sozialarbeiter, Freizeitbetreuer, Sporttrainer gibt, die sich mit Feminismus auskennen.

Bist du gern ein Mann, Marcel? Warum? Wärst du manchmal lieber ein Mädchen? Warum? Nein, Augenrollen gilt nicht.
Trau dich, drüber nachzudenken! Du kannst nur gewinnen dabei.

E-Mail Updates direkt ins Postfach

  

*Du bist einverstanden, dass die Grünen dich regelmäßig informieren. Finde in unseren Datenschutzhinweisen heraus, wie wir deine Daten verwenden.